05.03.2005 Am Rhein steigt die Wanderlust

Die Natur- und Kulturlandschaft am Rhein ist einzigartig. Steilhänge und atemberaubende Ausblicke bringen Touristen ins Schwärmen. Doch so reizvoll mancher Pfad ist, Wanderer wählten meist andere Ziele. Der „Rheinsteig" soll das ändern: Er verspricht einen Weg von Spitzenqualität. Mal sanft, mal geprägt von steilen Auf- und Abstiegen. Reich an Kurven und (Natur-)Erlebnissen.

Achim Schloemer versucht erst gar nicht, Vergangenes schön zu reden. „Wir haben verpennt, das Wandern in unserem Mittelgebirgen ordentlich aufzuarbeiten." Daran hätte sich vielleicht bis heute wenig geändert, wäre nicht Rainer Brämer aufgetaucht. Der Marburger Natursoziologe und Wanderexperte schreckte die Verantwortlichen der Tourismusbranche, also auch Achim Schloemer, mit kritischen, aber auch hilfreichen Worten auf. „Er hat seine Ideen förmlich reingeprügelt,"

Nicht ohne Wirkung: Im Rheintal geht das Konzept „Rheinsteig" seiner Vollendung entgegen. Wenn der 320 Kilometer lange Weg im Herbst eröffnet wird, verspricht sich Achim Schloemer, der Geschäftsführer der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, eine Sogwirkung für das Wandern auf hoher Qualität im ganzen Land.

Schmale Pfade, häufige Landschaftswechsel, eindrucksvolle Aussichten, kurviger Streckenverlauf auf möglichst naturbelassenen Erdwegen - der Rheinsteig lebt von zahlreichen Qualitätskriterien. Denn eines ist sicher. Mit ihm wollen (und werden) die Rheinland-Pfälzer in der ersten Liga spielen. Sie streben nicht nur das Deutsche Wandersiegel an, sondern auch einen Verbund mit den sechs bis zehn interessanten „Premium-Wegen" der Republik.

„Durch Rainer Brämer haben wir begriffen, dass im Wanderpublikum enormes Potenzial steckt. Es ist naturerlebnishungrig, ausgabewillig, genussorientiert und bereit, für das Erlebnis tagsüber oder am Abend quasi als Belohnung und Dank tief in die Tasche zu greifen." Allerdings muss auch das Angebot von Gastronomie und Hotellerie stimmen, wissen die Verantwortlichen und werden „wanderfreundliche Gastgeber" suchen. Wer noch höhere Qualitätskriterien erfüllt, wird als „Rheinsteig-Gastgeber" das offizielle Logo tragen dürfen.

„Seit Brämer" hat sich viel verändert, mit ihm begann im Rheintal eine neue Wanderzeit. Rainer Brämer (61) ist Natursoziologe an der Uni Marburg und Vorsitzender des seit einem Jahr bestehenden Deutschen Wanderinstituts. Nebenberuflich engagiert er sich in einer wandertouristischen Beratungsfirma. Durch diese kreuzen sich die Wege mit den Tourismusverantwortlichen am Rhein: Brämer soll in einer Stärken-Schwächen-Analyse ermitteln, wie der rechte Rheinhöhenweg - fast 100 Jahre alt - aufgewertet werden kann.

Romantische Burgen, atemberaubende Blicke, Weinlandschaft, geschichtsträchtige Stätten - für Rainer Brämer ist klar: „Wenn es einen deutschen Wanderweg gibt, der deutsche wie ausländische Wanderer gleichermaßen in seinen Bann zieht und als Aushängeschild für den deutschen Wanderpark dienen könnte, denn wäre es der rechte Rheinhöhenweg." Wäre. Denn Brämer entdeckt auch die Probleme: „Der Weg erschließt nur einen Bruchteil der möglichen Höhenpunkte, viele lässt er ohne erkennbaren Grund aus." Viel zu oft bleibt die Trasse auf Distanz zum Rhein, moniert er. Brämer kritisiert die „drögen Wirtschaftswege und Asphalttrassen" und nennt allzu lange Waldpassagen problematisch. Und so wundert es ihn nicht, dass er bei schönstem Wochenendwetter nur wenige Wanderer trifft.

Am Ende hat Rainer Brämer mehr negative als positive Punkte im Rucksack. „Die Inventur nach den Vorgaben des Wanderspiegels hat gezeigt, dass so mit dem Rhein noch kein Staat in Deutschlands Wanderwelt zu machen ist." Mit insgesamt minus 4 Punkten landete er unterhalb der Nulllinie, der Bewertungstiefpunkt lag im Bereich Lahnstein mit minus 80 Punkten. „Ein qualitätsvoller Wanderweg sollte mindestens plus 25 Punkte erreichen."

Brämer klammert sich nicht lange an die Schwachpunkte, sondern arbeitet die wandertouristischen Stärken des Mittelrheingebietes aus: unmittelbarer Kontakt zum Rhein, Steilhänge, Pfade, Ausblicke, „gelegentlich fast alpines Anspruchsniveau". Ideale Voraussetzungen für einen Rheinsteig. „Er bleibt sehr viel näher am ball, erfordert aber auch mehr Einsatz - wie alles Gute im Leben." Achim Schloemer spricht von einem „Weg für ambitionierte Wanderer" und gibt als „klare Philosophie" die neue Marschrichtung vor: sehen, quälen, belohnen.

Die Vision vom Rheinsteig nimmt konkrete Formen an: Er soll über 320 Kilometer von Wiesbaden bis bad Honnef / Bonn verlaufen, also drei Bundesländer und zahlreiche Gemeinden berühren. Kann das gut gehen, wenn allein das Mittelrheintal bisher dazu neigte, gute Ideen oftmals an Engstirnigkeit, Kirchturmsdenken und Desinteresse scheitern zu lassen? Auch Achim Schloemer kennt diese Querelen, macht beim Rheinsteig aber eine neue Erfahrung: „Bei diesem großen, verbindenden Projekt hat es gleich viele gegeben, die sich dahinter gestellt haben." Die „Produkt-Idee" überzeugt und motiviert. „Vor allem die Region nördlich von Koblenz sieht darin eine Riesenchance, die Partner in diesem Bereich haben auch heute den Fuß eher auf dem Gaspedal als auf der Bremse".

Wer später von der neuen Wanderbewegung profitieren will, muss erst einmal investieren. Die Rheinsteig-Gemeinden werden nach einem Schlüssel an den Kosten beteiligt, müssen Unterhalt und Pflege des Weges übernehmen. Rainer Brämer kennt die Probleme: „Am Rheinsteig wird mit großem Aufwand ein modernes Wegeleitsystem installiert, das einen ebenso sicher wie selbstverständlich zu den schönsten Punkten der Region führt, aber natürlich einer ständigen Pflege bedarf. Das kostet dauerhaften Einsatz und Geld." Achim Schloemer denkt an ein „Wegepaten-system", bei dem Wandervereine die Pflege übernehmen.

Die Basismarkierung des Rheinsteigs ist abgeschlossen, überall ist das blau-weiße Schild zu entdecken. In den kommenden Monaten folgt das Leitsystem, das Wanderern an Wegeknoten alle Details vermittelt: Kilometer- und Höhenangaben, Etappenziele, Zuwege. „So entsteht ein Kataster", sagt Schloemer und spürt ein „tolles Gefühl, das Projekt von der ersten Idee bis zur Vollendung mit umsetzen zu können".

Rainer Brämer denkt schon in die Zukunft: „Der Rheinsteig soll innerhalb des Freizeit- und Urlaubssegments Wandern auf die gesamte Region aufmerksam machen. Der Rhein und sein Steig fungieren gewissermaßen als Köder, das Publikum herbeizulocken. Wenn der Funke gezündet hat, muss ein über den Steig hinausgehendes Angebot zum Verweilen und zum Wiederkommen einladen."


Der Weg zur Qualität

Der Rheinsteig setzt Maßstäbe - auch bei den Qualitätskriterien. Und das ist unter anderem Pflicht:

Wegeformat:

Schale Wege haben Priorität, ebenso naturbelassene Erdwege. Asphaltstrecken sollen dagegen möglichst vermieden werden.

Wegeführung:

Häufige Landschaftswechsel vermeiden Monotonie, die Wanderstrecke verläuft kurvig, im Zick-Zack, gewunden. Der attraktive Weg ist dabei das Ziel - nicht der kurze.

Landschaftspotenzial:

Näheres, hoch gelegenes Rheinumfeld hat Priorität. Bei Ortsdurchquerungen werden nur gefällige Passagen eingebunden. Der Weg führt durch besonders attraktive Naturlandschaften und tangiert natürliche Gewässer, er bindet eindrucksvolle Aussichten und kulturelle Sehenswürdigkeiten.

Infrastruktur:

Gastronomie und Hotellerie werden eingebunden. Hinweise aus Busse, Bahnen und Parkplätze.

Wanderleitsystem:

Es gibt eindeutige, einheitliche Basismarkierungen. Die Beschilderung ist nutzerfreundlich. Der Rheinsteig wird mit anderen Wanderwegen vernetzt.


Gabi Novak-Oster

RZ vom 05.03.2005

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